UEK (Hg.): Liturgie des Willkommens - page 10

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auch innerhalb eines Gemeindegottesdiens-
tes denkbar.
Rechtliche, biografische und theologische As­
pekte des Wiedereintritts sind in jedem Fall
miteinander verknüpft durch den Bezug zur
Taufe: Getauft zu sein ist die grundlegende
und bleibend gültige Voraussetzung eines
Wiedereintritts. Indem beim Wiedereintritt
das Datum der Taufe erfragt wird, kommt
auch der Lebensweg der Wiedereintreten-
den in den Blick. Und unabhängig davon,
ob die Taufe für die Wiedereintretenden von
Bedeutung war oder nicht: Die mit der Tau-
fe gegebene persönliche Zusage Gottes für
ihr Leben bleibt unverbrüchlich in Kraft.
Diese Zusage hat im Verständnis der Kir-
che ein höheres Gewicht als jedes von Men-
schen gesprochene Ja oder Nein.
Das Angebot einer rituellen Bekräftigung
des Wiedereintritts durch eine kleine liturgi­
sche Handlung in der Wiedereintrittsstelle
oder innerhalb eines Gemeindegottesdienstes
macht die Kirche als Gemeinde der Getauf-
ten erkennbar. Es wird deutlich, dass sich je-
mand mit dem rechtlichen Vollzug wieder an
eine Gemeinschaft anschließt, die vor und mit
Gott leben will. Die rituelle Begleitung im Ge-
meindegottesdienst weitet die seelsorgliche
Gesprächssituation zu einer „gestreckten“
Kasualie aus. Ein Segenswort am Ende eines
Aufnahmegesprächs wird dann zu einem An-
knüpfungspunkt für den Gottesdienst.
Ob ein Wiedereintritt liturgisch gestaltet
wird oder nicht, kann nur individuell ent-
schieden werden. Für die Gestaltung des
Gesprächs, der liturgischen Handlung und
ihrer Texte sind die im EKD-Text empfoh-
lenen drei Kriterien auch in dieser Handrei-
chung leitend:
Situationsoffen:
Die Vielfalt der biografi­
schen Lagen, die sensible, oft von Kränkun­
gen und Verletzungen belastete Situation,
aber auch der bewusste Übergang zu einer er­
neuten Kirchenmitgliedschaft – all diese Fak­
toren erfordern ein Angebot, das nicht nur
selbst variabel ist, sondern mit unterschied­
lichen Nähen und Distanzen zur Kirche und
zur Kirchengemeinde vor Ort rechnet.
Schwellensensibel:
Wer den Wiederein-
tritt als Kasualie auffasst, entdeckt in ihm
ein biografisch-religiöses Potenzial, das im
Wechselspiel mit der biblischen und kirch­
lichen Tradition gestaltet werden kann. So
wird deutlich, wie sich die Tradition mit Le-
bensfragen in sinnstiftender Weise verbin-
det. Niemand wird heute mehr, wie es einst
üblichwar, für denWiedereintritt die Beichte
als Zulassungsbedingung fordern. Dennoch
behalten bestimmte Elemente der Traditi-
on in gewisser Weise ihr Recht, weil sie die
Aufmerksamkeit auf die existenzielle Tiefe
der Situation lenken. Wo der Wiedereintritt
als Schwelle wahrgenommen wird, spielen
auch Motive der Umkehr und Neuorientie-
rung eine Rolle. Liturgische Formen müssen
in der Wahl ihrer Motive und ihrer Sprache
solchen Themen und ihren Ambivalenzen –
Abkehr / Umkehr; Ab-, Um- und Rückwege –
Raum geben, um nicht einer allzu harmlosen
Willkommens-Semantik zu folgen.
Einladend:
In Liturgien verdichtet sich
das Bild und Verständnis von Kirche. Tre-
ten Menschen wieder in die Kirche ein, soll-
te das zum Anlass genommen werden, das
eigene Selbstverständnis zu hinterfragen:
Wie begegnen wir denen, die den Schritt
wagen, wieder in die Kirche einzutreten,
nachdem sie ihre Mitgliedschaft zwischen-
zeitlich gekündigt hatten?
Zu einer solch neugierig-offenen und zugleich
traditionsbewussten Haltung möchte die vor-
liegende liturgische Handreichung anregen.
Entsprechend verstehen sich die Texte und
Materialien als Hilfe zu einem situativen
Ausloten dessen, was angemessen und mög-
lich ist – mehr als Mustertexte denn als For-
mulare, die einfach „anzuwenden“ wären.
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