UEK (Hg.): Liturgie des Willkommens - page 9

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gern zu ihr gehören? Bei der Gestaltung des
Wiedereintritts geht es somit nicht mehr um
die öffentliche Anerkennung kirchlich-religi-
öser Normen durch den Wiedereintretenden,
sondern um die Anerkennung und Würdi-
gung seiner individuellen biographisch-reli-
giösen Entscheidung durch die Kirche.
Eine in den Wiedereintrittsstellen manch-
mal gewünschte liturgische Begleitung er-
fordert deshalb Offenheit für die individuel­
le Situation der Menschen, Sensibilität für
Motive von Umkehr und Neuorientierung
sowie eine einladende Gestaltung. Davon
lässt sich die „Liturgie des Willkommens“
insgesamt und in den angebotenen Ord-
nungen und Bausteinen leiten. Die Erfah-
rung zeigt freilich, dass viele Menschen
den Wiedereintritt in die evangelische Kir-
che nicht mit der Erwartung einer litur­
gischen Handlung verbinden. Hier braucht
es ein gutes Gespür für das jeweils Ange-
messene; das Spektrum reicht vom schlich-
ten Segenszuspruch im Gespräch unter vier
Augen bis zum ausdrücklichen Bekenntnis­
akt im Gemeindegottesdienst. Es erfordert
eine sensible Gesprächsführung, Eintreten­
de für diese Möglichkeit zu öffnen bzw. ent-
sprechende Erwartungen von ihrer Seite
wahrzunehmen und anzusprechen. Was da-
bei hilfreich und richtig ist, hängt jeweils
von der Intensität der kirchlichen und reli­
giösen Prägung, von Lebensstil und Mili-
eu ab. Je respektvoller darauf eingegangen
wird, umso angemessener wird eine „Litur-
gie des Willkommens“ gestaltet sein.
Im Vordergrund eines Wiedereintritts steht
zunächst der rechtliche Aspekt. Denn die
liturgische Handlung ist nicht der „Vollzug“
eines Eintritts. Rechtlich geschieht der Ein-
tritt durch den Doppelschritt der
Willens­
erklärung
der Eintretenden und der
An­
nahme
dieser Erklärung durch eine dazu
befugte Person (bzw. ein dazu befugtes Gre-
mium). Das rechtliche Verfahren ist EKD-
weit durch das „Kirchengesetz über die Kir-
chenmitgliedschaft“ geregelt.
3
Die liturgi-
sche Gestaltung
folgt
also einem bereits
vollzogenen Eintritt, sie stellt ihn dar und
bekräftigt
ihn. Die liturgische Handlung
bringt zum Ausdruck, dass der Eintritt in
die Kirche nicht allein ein Verwaltungsvor-
gang, sondern auch ein Beziehungsgesche-
hen in Gottes Gegenwart und im Horizont
der christlichen Gemeinde ist. Dies gilt für
beide heute gegebenen Möglichkeiten des
Wiedereintritts gleichermaßen: in einer Kir­
cheneintrittsstelle und in der Ortsgemeinde.
Dem rechtswirksamen Vollzug des Wieder-
eintritts
muss
also keine liturgische Hand-
lung folgen. Viele Wiedereintretende werden
auch dann, wenn ihnen diese Möglichkeit
nahegebracht wird, ein solches Angebot ab-
lehnen. Bereits die Inanspruchnahme einer
Wiedereintrittsstelle anstelle der Ortsge-
meinde ist zumeist vom Wunsch nach Dis­
kretion motiviert. Daher würden manche
Wiedereintretenden schon ein Gespräch mit
dem Gemeindepfarrer oder der Gemeinde­
pfarrerin als Zumutung empfinden. Der un-
aufwändige und unauffällige Wiedereintritt
kommt ihnen auch deshalb entgegen, weil
so der Kirchenaustritt verborgen bleibt. Vie-
le Wiedereintretende wollen der Kirche als
Institution wieder angehören, wünschen je-
doch keine nähere Beziehung zu einer Kir-
chengemeinde.
Andererseits steigt die Zahl der Wiederein-
tretenden, die offen zu ihrem Schritt ste-
hen möchten. Ihre Motive sind häufig mit
einer Lebenswende verknüpft. Hier ist eine
liturgische Begehung eher erwünscht und
3 Kirchengesetz über die Kirchenmitglied-
schaft, das kirchliche Meldewesen und den
Schutz der Daten der Kirchenmitglieder
(Kirchengesetz über die Kirchenmitglied-
schaft) vom 10. November 1976 (Amtsblatt
EKD, S. 389), geändert durch Kirchengesetz
vom 8. November 2001 (Amtsblatt EKD,
S. 486).
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